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COVID-19 kann eine Reihe von Spätfolgen mit sich bringen. Dokumentieren Sie Ihre Gesundheit mit unserem Symptom-Tagebuch.
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Lebensgefahr am Lebensende

Ein Arzt f√ľr Altersmedizin erz√§hlt von dem Coronavirus bei Hochbetagten

Dr. Henning arbeitet als Chefarzt in einem sogenannten geriatrischen Fachkrankenhaus. Das hei√üt, seine Patienten sind in der Regel zwischen 70 und 100 Jahre alt. Die meisten von ihnen kommen aus einer anderen Klinik, wo sie wegen eines akuten Problems behandelt wurden. Nun ben√∂tigen sie eine station√§re Rehabilitation von meist 2 bis 3 Wochen, um die Akuttherapien fortzusetzen, Selbstst√§ndigkeit zur√ľckzuerlangen und die Weiterversorgung zu kl√§ren. Dabei geht es um die Frage, ob sie wieder nach Hause k√∂nnen, langfristig Hilfe brauchen oder fortan in ein Pflegeheim m√ľssen. Hier schildert Dr. Henning, was die Pandemie f√ľr alte Menschen bedeutet.

Was es heißt, sehr alt zu werden

‚ÄěUnsere Patienten haben viele Krankheiten und Diagnosen gleichzeitig. Jemand hat sich zum Beispiel den Schenkelhals gebrochen und ist operiert worden, aber hat gleichzeitig Diabetes, Bluthochdruck, eine Herzschw√§che, eine kognitive St√∂rung und eine Erkrankung, die seine Gangsicherheit beeintr√§chtigt. Das w√§re typisch bei uns.‚ÄĚ

Altersmediziner m√ľssen also stets den √úberblick behalten und jede Beschwerde in das gr√∂√üere Gesamtbild einordnen. Gleichzeitig haben √§ltere Patienten auch schon viele Erfahrungen gesammelt, was ihnen bei der Bew√§ltigung neuer Beschwerden helfen kann.

‚Äě√Ąltere Patienten sind jedoch auch empfindlicher f√ľr Komplikationen und brauchen l√§nger, sich von Eingriffen zu erholen. Diese Patienten sind h√§ufig im Krankenhaus. Viele haben 4 chronische Erkrankungen, dazu einen oder zwei Tumore √ľberstanden. Sie haben gro√üe Eingriffe bew√§ltigt. Sie haben Erkrankungen, die dauerhaft behandelt werden. Alle haben nicht nur ein Medikament, sondern mehrere. So k√∂nnen viele noch lange ihren Alltag bestreiten‚ÄĚ 

Trotz ihrer gro√üen Lebenserfahrung geht das √Ąlterwerden nat√ľrlich mit gro√üen seelischen Herausforderungen einher. Auch hier k√∂nnen √Ąrzte helfen. 

‚ÄěIch w√ľrde sagen unter unseren Patienten haben etwa 20 bis 30 Prozent mit Einsamkeit und depressiven Stimmungen zu k√§mpfen. Ein √§hnlicher Anteil hat kognitive St√∂rungen wie eine Demenzerkrankung. Sie sind also in der Orientiertheit und in ihrer Urteilsf√§higkeit eingeschr√§nkt. Sie k√∂nnen somit wichtige Dinge nicht mehr reflektieren und entscheiden. 

Das ist ein gro√ües Problem, weil es sehr wichtige Entscheidungen zu treffen gibt. Wie intensiv soll eine Behandlung noch sein? Sollen im Zweifelsfall noch lebensverl√§ngernde Ma√ünahmen ergriffen werden? Wo versuche ich, Krankheiten noch zu heilen? Wann nur noch Beschwerden zu lindern?‚Äú 

Eine altersmedizinische Behandlung kann somit weit mehr als nur Therapie eines Symptoms sein. Im Team auszuloten, mit welcher Unterst√ľtzung ein hochbetagter Mensch auch k√ľnftig im Leben zurechtkommen und sch√∂ne Dinge erleben kann, ist eine riesige Chance solcher Aufenthalte.

‚ÄěEinsamkeit ist dabei auch unabh√§ngig von Corona ein gro√ües Problem f√ľr alte Menschen. Oft sind viele von ihren Bekannten und Freunden schon verstorben. Und dann gibt es auch erstaunlich viele Menschen, wo man eben feststellt, die haben niemanden.‚Äú

Hier können bestimmte Maßnahmen wie die Organisation von Haushaltshilfe, Pflegedienst oder Nachbarschaftskontakten viel bewegen.

‚ÄěDie zweite Welle hat uns massiv getroffen.‚ÄĚ

‚ÄěDie ersten Corona-positiven Patienten hatten wir Ende September. Das Virus hat sich dann relativ schnell auf der Station ausgebreitet ‚Äď sowohl unter Patienten als auch unter Mitarbeitern. Wir wissen nicht, von wem die erste Ansteckung ausging. Aber es ist sicher so, dass im Verlauf Patienten sowohl von Mitpatienten als auch Mitarbeitern angesteckt wurden.

Wir haben unser Hygienekonzept mehrfach umgestellt und extra eine Isolierstation eingerichtet. Diese war bald komplett mit positiv getesteten Patienten ausgelastet, die teils schwer erkrankt sind. In der Umbruchsituation ‚Äď das ist f√ľr uns alle sehr eindrucksvoll gewesen ‚Äď ist die Sache dann v√∂llig unkontrolliert. Es ist nicht mehr steuerbar. Man reagiert nur noch. Das hat uns als Krankenhaus an Grenzen gebracht.‚Äú

Der Übergang von kontrollierter zu unkontrollierter Situation zeigt sich in Krankenhäusern oftmals besonders schnell. Nur mit gut organisierten Abläufen im Team konnte der Kollaps verhindert und Ausfälle kompensiert werden:

‚ÄěDa sind gleichzeitig Mitarbeiter aus allen Berufsgruppen erkrankt. Psychologen, Therapeuten, √Ąrzte und die Pflege ganz besonders. Somit waren wir auch als Team erheblich beeintr√§chtigt. Wir sind seitdem nie ohne neu erkrankte Patienten oder Mitarbeiter gewesen. 

Die Belastung war enorm. Personalausf√§lle. St√§ndige Kohortierung. Sofortige Isolierung von symptomatischen Patienten. Die Pflege muss mitunter den gesamten Tag mit Handschuhen, undurchl√§ssigem Kittel, FFP-2-Maske und Schutzbrille arbeiten ‚Äď bei teils komplett immobilen Patienten. Das ist harte k√∂rperliche Arbeit. Dazu die permanente Angst, selbst zu erkranken.

Manche Mitarbeiter geben an, auch nach √ľberstandener COViD-19-Erkrankung noch unter Konditionsproblemen und schneller Ersch√∂pfung zu leiden.‚ÄĚ

Erfreulicherweise steigt allm√§hlich auch die Zahl derer, die nach ihrer Erkrankung wieder mit voller Kraft zur√ľck im Team sind. Das verringert auch die √Ąngste unter den Kollegen.

Seien Sie vorbereitet und erfassen Sie Ihre Symptome. Lesen Sie mehr.

Hochbetagt und Corona-positiv

‚ÄěEs ist auff√§llig wie unterschiedlich intensiv ‚Äď auch bei √§lteren Menschen ‚Äď der Verlauf sein kann. Manche haben nur leichte Beschwerden. Aber etliche Patienten kommen in eine palliative Situation, weil sie schwer erkranken und nicht mehr auf Intensivstation verlegt werden wollen. Sie versterben dann an COVID-19 in unserer Klinik. 

Mittlerweile wissen wir, dass oft nach 4 bis 6 Tagen eine Verschlechterung einsetzt. Häufig mit hohem Fieber und Abfall der Sauerstoffwerte im Blut. Diesen Ablauf haben wir recht oft erlebt. Teils hatten wir aber auch sehr lange Verläufe. Einige haben sich dann auch wieder erholt.“

Nat√ľrlich z√§hlen alle Patienten in der Altersmedizin zur Risikogruppe. Umso beeindruckender ist daher, wie viele sich trotz Widrigkeiten zur√ľckk√§mpfen:

‚ÄěEine Patientin hat zum Beispiel noch w√§hrend ihrer COVID-Erkrankung einen Herzinfarkt durchgemacht und diesen sowie eine schwere bakterielle Durchfallerkrankung √ľberstanden. Sie hat dann im Alter von Ende 80 das Krankenhaus wieder verlassen k√∂nnen.

Eine 90-J√§hrige hatte dagegen die Erkrankung alleine zu Hause durchgemacht. Danach war sie so geschw√§cht, dass sie nichts mehr gegessen hat und nicht mehr aufstehen konnte. Sie ist dann zur geriatrischen Rehabilitation zu uns gekommen. Ich habe sie kurz vor der Entlassung mit ihrem Rollator in einem beachtlichen Tempo √ľber die Station flitzen sehen. Sie brauchte noch nicht mal eine Hauskrankenpflege im Anschluss. Solche F√§lle gibt es also auch.‚Äú

In diesen Situationen zeigt sich auch, wie sehr √§ltere Menschen dank einer ausgiebigen Rehabilitation wieder ‚Äď sprichw√∂rtlich ‚Äď auf die eigenen Beine zur√ľckkommen k√∂nnen.

‚ÄěBei den Patienten, die trotz h√∂hergradigem Sauerstoffbedarf nicht mehr auf eine Intensivstation zur Beatmung wollen, bleiben uns dagegen nur noch Ma√ünahmen zur Linderung der Beschwerden: Sauerstoff, Morphium, bestimmte Beruhigungsmittel ‚Äď und generell alle Patienten pflegerisch und seelsorgerisch eng zu begleiten in dieser Situation. Palliative Verl√§ufe kennen wir nat√ľrlich. Aber sie treten durch die Pandemie jetzt geh√§uft auf und beanspruchen auch die Mitarbeiter emotional.‚ÄĚ

Oberste Regel ist jedoch immer: Kein Patient muss leiden. Hier bringen die √Ąrzte der Klinik ihre ganze Expertise im Lindern von Beschwerden am Lebensende ein.

‚ÄěPatienten haben h√§ufig ein gro√ües Verst√§ndnis f√ľr die Ma√ünahmen. Aber sie leiden auch darunter.‚ÄĚ

‚ÄěWenn Patienten die Erkrankung bei uns im Krankenhaus erworben haben und im Verlauf daran versterben, macht mich das sehr betroffen. Denn trotz aller Hygienema√ünahmen, die wir erreichen, gibt es in einer Einrichtung wie dieser stets ein erh√∂htes Ansteckungsrisiko.‚Äú

Daher kl√§ren die √Ąrzte stets ab, welche Patienten w√§hrend der Pandemie auch erfolgreich zu Hause behandelt werden k√∂nnen. 

‚ÄěDie Patienten sind im Schnitt viel weniger √§ngstlich sich zu infizieren, als ich es unter den Mitarbeitern erlebe. Auch machen sich Angeh√∂rige oft sehr gro√üe Sorgen um ihre Eltern und Gro√üeltern. Die Patienten selbst nehmen die Mitteilung, jetzt COVID-19-erkrankt zu sein dagegen meist eher gelassen auf. Sie sind aber vor allem durch die Restriktion der Besuchsm√∂glichkeiten beeintr√§chtigt.

F√ľr sie ist es durch die Pandemie deutlich erschwert, mit ihren Angeh√∂rigen in Austausch zu treten. Gerade kognitiv eingeschr√§nkte Patienten haben nat√ľrlich nicht so die M√∂glichkeit √ľber Telefon oder andere Medien in Kontakt zu bleiben. F√ľr sie sind Besuche wichtig, um sie so im Leben und in ihren Zusammenh√§ngen zu halten. Und das fehlt jetzt extrem.‚Äú

Hier zeigt sich eine der gr√∂√üten Schwierigkeiten in der Pandemie: die Kontakteinschr√§nkungen. Denn der Austausch tut beiden Seiten gut. Auch den Angeh√∂rigen hilft es, wenn sie sehen, dass ihre Eltern oder Gro√üeltern weniger √§ngstlich sind als erwartet. Hier unterst√ľtzt das Pflegeteam, so gut es kann, bei der digitalen Kontaktaufnahme.  

‚ÄěBei dem Besuchsverbot w√§hrend des Lockdowns machen wir Ausnahmen, wenn ein Patient stirbt und sein Leben damit zu Ende geht als auch bei schwer verwirrten oder dementen Patienten, die auf den Kontakt zu Bekannten angewiesen sind.

Und die Frage nach lebensverl√§ngernden Ma√ünahmen kl√§ren wir immer so fr√ľh wie m√∂glich, wenn es den Patienten noch gut geht. Es gibt Patienten, die nicht in der Lage sind, das selbst zu entscheiden oder die es nicht entscheiden wollen. Dann sprechen wir mit Angeh√∂rigen und erfragen, ob es eine Vorsorgevollmacht gibt.‚ÄĚ 

Nat√ľrlich befindet sich die Klinik w√§hrend der Pandemie in einer absoluten Ausnahmesituation. Doch auch hier zeigt sich, wie wichtig ein professioneller Umgang mit diesen schwierigen Momenten ist. Und hier verf√ľgt das Team √ľber einen gro√üen Erfahrungsschatz.

Neu anfangen ‚Äď nach 67 Jahren Ehe

‚ÄěEin Patient und seine Frau, mit der er seit 67 Jahren verheiratet war, sind beide kurz vor Weihnachten krank geworden. Sie wurden daraufhin positiv auf das Coronavirus getestet und sind in einem Krankenhaus mit gemeinsamem Zimmer untergekommen. Seine Frau ist dort verstorben. Am Ende ist sie in seinen Armen eingeschlafen.

Der Mann hat COVID mit 92 √ľberlebt und ist jetzt bei uns zur Rehabilitation. Er zeigte sich dankbar f√ľr die Behandlung und will anschlie√üend wieder nach Hause. Auch wenn jetzt alles sehr schwer f√ľr ihn ist.‚Äú 

Die psychischen Herausforderungen sind somit sowohl f√ľr Patienten als auch Behandler gro√ü. Aber es gibt auch Lichtblicke:

‚ÄěBei all den H√§rten bleibt f√ľr mich pers√∂nlich auch die Erkenntnis, wie nah wir bereits im Team zusammenger√ľckt sind, um solche Momente zu bew√§ltigen. Das erlebe ich auch als etwas Positives. Niemand wei√ü, wie die Situation in den n√§chsten Wochen und Monaten weitergeht. Eine Eskalation will ich auf jeden Fall vermeiden. Aber wir merken, wie weit wir als Team schon gekommen sind und wie wir auf diese Weise unseren Patienten auch in schwierigsten Situationen weiterhelfen konnten.‚Äú 

Die Geschichte aus der Altersklinik zeigt, wie wichtig Zusammenhalt w√§hrend der Pandemie geworden ist. Manches ist erschwert, aber vieles bleibt m√∂glich. So kann jeder seinen √§lteren Angeh√∂rigen dabei helfen, alle Optionen mit √Ąrzten abzuw√§gen und √ľber Telefon oder andere Medien in engem Kontakt zu bleiben.

Anmerkung des Autors: Dr. Henning hei√üt eigentlich anders, aber m√∂chte anonym bleiben und auch die Anonymit√§t seiner Patienten wahren. Sein Name wurde daher f√ľr diesen Artikel abge√§ndert. Alle seine Aussagen entsprechen der Realit√§t. 

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