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Hilfe gegen Einsamkeit bei Kindern und Jugendlichen

Jung und einsam

Besondere Hürden meistern

Ein Fünf-, Zehn- oder 15-Jähriger steht täglich vor komplett unterschiedlichen Hürden. Aber eines haben sie alle gemeinsam. Sobald ein Hindernis erfolgreich gemeistert wurde, wartet bereits das nächste. Bei Kleinkindern sind die Hürden meist noch offensichtlich. Frei stehen mit eins, sicher laufen mit zwei, einen Turm bauen mit drei. Kinderärzte nennen das gerne „Meilensteine der Entwicklung” – Eltern eher stolz „die ersten Male” [1]. 

Umso älter ein Kind dann wird, desto undeutlicher werden schließlich die Hürden. Spätestens in der Pubertät sind sie für Außenstehende teils kaum noch nachvollziehbar. Aber es gibt sie. Statt körperlicher und sprachlicher Fertigkeiten rücken nun psychische sowie soziale Herausforderungen in den Vordergrund. Freundschaften knüpfen. Eine individuelle Identität entwickeln. Die eigene Rolle in der Gesellschaft finden [2].

Übersicht über die menschlichen Grundbedürfnisse Quelle

All das ist Normalität. Und trotzdem ist all das extrem schwierig für jeden Heranwachsenden. Eltern können ihre Kinder dabei begleiten. Sie können helfen. Aber am Ende können sie ihren Kindern bestimmte Hürden nicht abnehmen. Und so kann auch bei Kindern – früher oder später – ein Gefühl von Einsamkeit entstehen.

Generell ist Einsamkeit etwas anderes als Alleinsein. Ein Kind kann stundenlang allein spielen und dabei tiefe Zufriedenheit verspüren. Einsamkeit dagegen ist ein negatives Gefühl, das entsteht, wenn sich Menschen nicht mit ihren Mitmenschen verbunden fühlen. So auch Kinder [3, 4]. 

Wenn Kinder einsam sind

Durch das enorme Entwicklungspotenzial von Kindern haben sie gute Chancen, Phasen von Einsamkeit erfolgreich zu überwinden. Einige Dinge machen die Situation jedoch eher schwieriger für sie. Insbesondere kleinen Kindern kann es zum Beispiel schwer fallen, ihre Nöte richtig in Worte zu fassen.  

Zudem haben selbst ältere Kinder und Jugendliche ihre Selbstwahrnehmung und Persönlichkeit noch nicht vollständig entwickelt. Ihre Fähigkeit, eigene Gedanken und negative Gefühle richtig einzuordnen, ist damit noch eingeschränkt. Für Wege aus der Einsamkeit ist „ein klarer Blick nach innen” jedoch von großer Bedeutung.  

Auch haben Kinder im Gegensatz zu Erwachsenen meist noch keine Vorerfahrungen mit Einsamkeit gemacht. Damit fehlen Ihnen wichtige Vergleichswerte. Sie können weder wissen, dass Einsamkeit auch wieder verschwinden kann, noch welche Werkzeuge dabei helfen.

Eine weitere Besonderheit von Kindern ist ihr Umfeld. Anders als Erwachsene haben Kinder nur begrenzt die Möglichkeit, hierauf Einfluss zu nehmen. Familie, Schule und Peergroup sind relativ starre Systeme am Anfang des Lebens. Im Idealfall tun sie Kindern gut und bieten ihnen Halt. Das Gegenteil kann jedoch schnell der Fall sein. Die volle Entscheidungsfreiheit für längere Auszeiten oder einen kompletten „Tapetenwechsel” gibt es für Kinder dann nicht. 

Anders als Kinderkrankheiten wie Mittelohrentzündung oder Windpocken handelt es sich bei Einsamkeit zudem nicht um eine eigenständige Diagnose mit klar definierten Symptomen. Für Eltern, Lehrer und Ärzte gibt es damit weder Checkliste noch einheitlichen Masterplan [4, 5]. 

Die Liste an möglichen Beschwerden und Verhaltensweisen ist lang bei Einsamkeit: Vermehrte Ernsthaftigkeit, Rückzug, Traurigkeit und Trauer, Gereiztheit, Verstimmtheit, Schwierigkeiten im Kontakt oder beim Spielen mit anderen Kindern, Lernprobleme, Schlafstörungen, Einnässen, Leistungs- oder Trennungsangst sowie Symptome wie Kopf- und Bauchschmerzen. Alles davon kann, nichts muss. Jedoch sind die Anzeichen von Einsamkeit immer ernst zu nehmen [5, 6, 7].

Mehr als nur einsam

Einsamkeit, die vorübergehend besteht, ist in der Regel harmlos. Problematisch wird es (wie bei allen seelischen Beschwerden), wenn der Leidensdruck besonders groß ist oder aber längere Zeit anhält. 

In vielen Fällen kann es einen klaren Auslöser für anhaltende Gefühle von Einsamkeit bei Kindern geben. Neben Konflikten innerhalb der eigenen Familie und Schicksalsschlägen wie Trennung oder Tod der Eltern zählen hierzu Anfeindungen und Ausgrenzungen durch Gleichaltrige [5, 8].

Im Schnitt geben fast 10% aller Kinder der 6. bis 12. Klasse an, während der Schule, bei Schulaktivitäten oder auf dem Schulweg bereits gemobbt worden zu sein. Die Häufigkeit von Mobbing in sozialen Medien fällt sogar noch deutlich höher aus. Auf diese Weise fühlen sich die Kinder angegriffen und ausgegrenzt. Schulangst, Gefühle von Einsamkeit oder sogar Depressionen sind oft die Folge [8-11]. 

Bei Depressionen besteht zudem eine Wechselwirkung: So erhöht Einsamkeit das Risiko für Depressionen und Depressionen das Risiko für Einsamkeit. Die Häufigkeit von Depressionen nimmt dabei mit steigendem Alter zu. So erkrankt jeder zehnte Teenager während seiner Jugend an einer Depression. Knapp 15% der 14 bis 15-Jährigen geben an, bereits Selbstmordgedanken in der Vergangenheit gehabt zu haben [12, 13]. 

Beschwerden wie gedrückte oder gereizte Stimmung, Rückzugsverhalten, Traurigkeit, Interessenverlust, Appetitveränderungen, Schlafprobleme, Abgeschlagenheit sowie ein geringes Selbstwertgefühl sollten also bei allen Kindern und Jugendlichen sehr ernst genommen werden [14].

Auch Kinder mit chronischen Erkrankungen haben ein erhöhtes Risiko, vermehrt unter Einsamkeit zu leiden. Betroffene Kinder geben sich mitunter selbst die Schuld für ihre Erkrankung und erleben die Unterschiede zu gesunden Kindern teils als unüberwindbar. Gleichzeitig müssen sie früh große Verantwortung für ihre eigene Gesundheit übernehmen. Dies ist eine enorme Belastung [15].

Was hilft wann?

Selbst gewöhnliches Heranwachsen geht mit erheblichen Herausforderungen für Kinder einher. All dies kann bereits reichen, um bei Kindern und Jugendlichen Gefühle von Einsamkeit hervorzurufen.

Glücklicherweise bestehen diese meist nur vorübergehend und verschwinden dann von selbst. Eltern können ihren Kindern helfen, indem sie sich aktiv nach ihren Sorgen und Bedürfnissen erkundigen, diese ernst nehmen und sich für ihre Kinder einsetzen. Auch wenn „sich einsetzen” manchmal einfach „Raum geben“ bedeuten kann. 

Da jedes Kind anders ist und unterschiedliche Ziele und Neigungen entwickeln wird, gibt es hierbei natürlich kein Einheitsrezept. Eine Tatsache, die den meisten Eltern, aber auch der Wissenschaft allzu bewusst ist. So sind auch die eigenen Neigungen und menschlichen Grundbedürfnisse in jedem von uns unterschiedlich stark angelegt [16]:

Unterschiede bei den menschlichen Grundbedürfnissen zwischen verschiedenen Personen Quelle

Anders sieht es aus, sollten sich dagegen eindeutige Gründe für die Einsamkeit finden. In diesen Fällen sollte alles daran gesetzt werden, die Ursachen gemeinsam zu beseitigen. Wo immer dies nicht möglich ist (Beispiel chronische Erkrankungen), können Eltern, Angehörige und Lehrer zumindest nach gemeinsamen Strategien für einen besseren Umgang damit suchen [15]. 

Besteht jedoch ein ausgeprägter oder anhaltender seelischer Leidensdruck, so sollte unbedingt frühzeitig professionelle Hilfe hinzugezogen werden. Kinderärzte, Fachärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie sowie Kinderpsychologen sind in diesen Fällen die richtigen Ansprechpartner. 

Die gute Nachricht ist: Am Ende gelingt es den allermeisten Kindern auch nach Rückschlägen die letzten Meilensteine ihrer Entwicklung erfolgreich zu meistern [17].

Seien Sie vorbereitet und erfassen Sie Ihre Symptome. Lesen Sie mehr.

Quellen

[1] Miamed Amboss. „Meilensteine der kindlichen Entwicklung und Kindervorsorgeuntersuchungen” [abgerufen am 11.01.2021].

[2] DocCheck Flexikon. „Stufenmodell der psychosozialen Entwicklung” [abgerufen am 10.12.2020].

[3] Medscape. „COVID-19 Shines a Spotlight on the Age-Old Problem of Social Isolation” [abgerufen am 10.12.2020].

[4] Journal of the American Academy of Child & Adolescent Psychiatry Home. „Social Isolation and Mental Health at Primary and Secondary School Entry: A Longitudinal Cohort Study” [abgerufen am 10.12.2020].

[5] Deutsches Ärzteblatt. „Kinder- und Jugendpsychiatrie: Zwischen Einsamkeit und Hoffnung” [abgerufen am 10.12.2020].

[6] NHS. „Depression in children and young people” [abgerufen am 10.12.2020].

[7] UpToDate. „Pediatric unipolar depression: Epidemiology, clinical features, assessment, and diagnosis: Sadness” [abgerufen am 10.12.2020].

[8] UpToDate. „Pediatric unipolar depression: Epidemiology, clinical features, assessment, and diagnosis: Risk factors” [abgerufen am 10.12.2020].

[9] UpToDate. „Peer violence and violence prevention: Bullying” [abgerufen am 10.12.2020].

[10] Medscape. „Cyberbullying Prevalence Among US Middle and High School-Aged Adolescents: A Systematic Review and Quality Assessment.” [abgerufen am 10.12.2020].

[11] Miamed Amboss. „Verhaltens- und emotionale Störungen mit Beginn in der Kindheit und Jugend: Schulverweigerung” [abgerufen am 10.12.2020].

[12] UpToDate. „Pediatric unipolar depression: Epidemiology, clinical features, assessment, and diagnosis: Epidemiology” [abgerufen am 10.12.2020].

[13] AWMF-Leitlinie. „Suizidalität im Kindes- und Jugendalter” [abgerufen am 10.12.2020].

[14] UpToDate. „Pediatric unipolar depression: Epidemiology, clinical features, assessment, and diagnosis: Symptoms” [abgerufen am 10.12.2020].

[15] AACAP. „Chronic Illness and Children” [abgerufen am 10.12.2020].

[16] Robert Plomin. „Blueprint: How DNA Makes Us Who We Are”. Penguin Science 2018.

[17] UpToDate. „Overview of prevention and treatment for pediatric depression: Prognosis” [abgerufen am 10.12.2020].






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