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Grippe-Saison 2021/2022

Corona-Maßnahmen helfen nicht dauerhaft bei Influenza

Influenza- und Coronaviren

Viel gemeinsam, viel verschieden

Als sich das Coronavirus SARS-CoV-2 Anfang 2020 immer weiter ausbreitete, fragten sich viele Menschen, ob ihre grippalen Symptome Zeichen einer einfachen Erkältung, einer Grippe oder gar von COVID-19 sein könnten. Denn als Atemwegserreger, die vor allem per Tröpfcheninfektion übertragen werden und ähnliche Symptome hervorrufen, gab es tatsächlich viele Gemeinsamkeiten [1].

Jedoch wurden auch die Unterschiede mit zunehmender Forschung immer besser verstanden: Anders als Grippeviren traf SARS-CoV-2 als gänzlich neues Virus nämlich auf eine Weltbevölkerung, die noch gar keinen Immunschutz aufwies [2, 3]. 

Zweitens war die Inkubationszeit – also die Zeit zwischen Ansteckung und Symptombeginn – länger als bei der Grippe, sodass Infizierte erst spät auffielen. Und nicht zuletzt war der Anteil an schweren Verläufen höher als bei herkömmlichen Grippeviren [1].

Doch mit effektiven Corona-Tests konnten Menschen schon bald Klarheit bei neuen Erkältungssymptomen erlangen. Dazu führten die Erfolge der Impfkampagne zu einer komplett anderen Pandemie-Dynamik. Und neue Virusmutationen ließen die Frage aufkommen, ob Corona langfristig zur „neuen” beziehungsweise „weiteren” Grippe werden könnte.

Zwar kann letzteres selbst von Experten noch nicht abschließend beantwortet werden, doch spricht Einiges dafür. Was jedoch sicher feststeht: Die Sensibilisierung für Übertragungswege, sowie die Verinnerlichung von Verhaltensmaßnahmen wie Social Distancing haben auch die Grippesaison nachhaltig beeinflusst [4].

Der Blick zurück

Einfluss der Corona-Maßnahmen auf die Grippe

Während zu Beginn der Corona-Pandemie noch eine starke Doppelbelastung des Gesundheitssystems durch Grippe- und COVID-19-Fälle erwartet wurde, blieben die Grippe-Zahlen im Winter 2020/21 deutlich hinter den Erwartungen zurück [5, 6].

Denn trotz engmaschigen Monitorings waren sowohl die Grippe-Fallzahlen, als auch grippebedingte Krankenhauseinweisungen oder Todesfälle um ein Vielfaches niedriger als in den Vorjahren. Sogar die Grippe-Krankschreibungen gingen um mehr als die Hälfte zurück [7-9].

Grafische Darstellung der Grippefälle 2020 im Vergleich zum Vorjahr
Grippefälle aus den Jahren 2020 und 2019 im Vergleich

Als Grund für das Rekordtief sehen Experten die hochwirksamen Alltagsmaßnahmen während der Corona-Pandemie. Hierzu zählen sie insbesondere das Tragen von Atemmasken, vermehrtes Zuhause-Bleiben, regelmäßiges Händewaschen, die Schließungen von Schulen, Einschränkungen des Reiseverkehrs, die verstärkte Belüftung von Innenräumen sowie Social Distancing [8, 10].

Denn was beim einen Erreger funktionierte, half offenbar auch beim anderen. Zudem könnten im Winter 2020/2021 auch die Grippe-Impfungen einen wesentlichen Beitrag geleistet haben [8].

Was uns erhalten bleibt

Sicher ist jedoch, dass die saisonale Grippe auch künftig eine Rolle spielen wird. Dies liegt darin begründet, dass Influenza-Viren eine hohe Variabilität haben. Das heißt, die Oberflächenmerkmale dieser Viren können sich von Jahr zu Jahr stark verändern [11].

Das macht es wichtig, den Grippeimpfstoff immer wieder anzupassen und die Impfung dann gerade bei Risikogruppen jährlich – rechtzeitig vor Beginn der Grippesaison – aufzufrischen [11-13].

Durch die niedrigen Fallzahlen im letzten Winter kam natürlich die Frage auf, ob bestimmte Schutz- und Hygienemaßnahmen aus der Corona-Pandemie nicht auch bei künftigen Grippewellen helfen könnten. Dies sehen viele Experten jedoch skeptisch [14, 15].

Hierfür gibt es verschiedene Gründe. Zum einen besteht in der Bevölkerung durch die geringe Infektionsrate im letzten Jahr ein insgesamt geringerer Immunschutz und damit sogar eher das Risiko für eine besonders schwere Grippewelle im kommenden Winter [13-15].

Zudem werden die neuen Grippeimpfstoffe üblicherweise an stark verbreitete Neumutationen des Influenzavirus angepasst. Letztes Jahr konnte aber nur begrenzt festgestellt werden, welche Subtypen zu einer starken Verbreitung neigen [13-15].

Und nicht zuletzt bleibt komplett offen, ob Menschen nach den langwierigen Einschränkungen durch die Corona-Pandemie bestimmte Vorsichtsmaßnahmen langfristig beibehalten oder – ganz im Gegenteil – diese endlich hinter sich lassen wollen.

Bis hierzu mehr Hintergrundinformationen vorliegen, ist es sinnvoll, sich an den praktischen Impfempfehlungen des Robert Koch-Instituts zu orientieren.

Sinnvoll auf die Grippe vorbereiten

RKI: Wer sich wann impfen lassen sollte

Im Gegensatz zur Corona-Impfung wird die Influenza-Impfung laut STIKO nur ein paar bestimmten Bevölkerungsgruppen empfohlen – wird also nicht allen Erwachsenen angeraten. 

Empfohlen wird sie demnach für „alle Personen ab 60 Jahren, alle Schwangeren ab dem 2. Trimenon (bei bestimmten Gesundheitsrisiken auch ab 1. Trimenon), für Personen mit erhöhter gesundheitlicher Gefährdung infolge eines Grundleidens, für Bewohner von Alters- oder Pflegeheimen sowie für Personen, die [...] Risikopersonen [in ihrem Umfeld] gefährden können“ [16].

Außerdem wird die Impfung für Personen mit „erhöhten beruflichem Risiko” empfohlen. Hierzu zählen „Personen mit erhöhter Gefährdung (z.B. medizinisches Personal), Personen in Einrichtungen mit umfangreichem Publikumsverkehr sowie Personen, die als mögliche Infektionsquelle für von ihnen betreute Risikopersonen fungieren können“ [16].

Die Grippe-Saison beginnt in der Regel Richtung Jahreswechsel. Zudem dauert es nach der Impfung etwa 10 bis 14 Tage, bis Antikörper gebildet sind und die Wirkung der Impfung einsetzt. Daher sollten sich die oben genannten Gruppen bereits ab Oktober bis Mitte Dezember impfen lassen. Die Grippe-Impfung nachzuholen ist für Risikogruppen jedoch immer noch besser, als sich gar nicht impfen zu lassen [16].

Warum Hochdosis-Impfung?

Allerdings gibt es dieses Jahr eine Besonderheit: Die STIKO empfiehlt allen Personen ab 60 Jahren, die Grippeimpfung mit einem sogenannten „Hochdosis-Impfstoff”. Dies geht darauf zurück, dass dieser in Studien eine leicht höhere Wirksamkeit gezeigt hat [11, 16].

Zwar können hierbei auch harmlose Nebenwirkungen der Impfung wie Gliederschmerzen oder vorübergehendes Unwohlsein stärker ausfallen. Da die Krankheitsschwere einer Grippe bei älteren Personen jedoch oft unterschätzt wird und schwere Nebenwirkungen der Impfung sicher ausgeschlossen werden konnten, lohnt diese Maßnahme dennoch [11, 16].

Die Grippeimpfung mit dem „Hochdosis-Impfstoff” wird komplett von den Krankenkassen erstattet. Wer jedoch trotz Empfehlung lieber einen herkömmlichen Grippeimpfstoff haben möchte, kann dies tun. Wesentlicher Unterschied ist jedoch nur, dass der „Hochdosis-Impfstoff” etwa die vierfache Antigenmenge enthält [16-19].

Auch im Doppelpack: Grippe- und Corona-Impfung

Langfristig wird daran gearbeitet, die jährliche Grippeimpfung mit einer Corona-Auffrischimpfung kombinieren zu können. Impfstoffhersteller wie Moderna und Novavax befassen sich bereits mit der Entwicklung solcher Präparate [13]. 

Allerdings wird Entwicklung samt Zulassung wohl noch nicht rechtzeitig bis zur anstehenden Grippe-Saison gelingen. Insofern müssen Grippeschutz- und Corona-Impfung vorerst weiterhin einzeln durchgeführt werden [13].

Die Frage, ob eine Corona-Auffrischimpfung zumindest zeitgleich mit einer Grippe-Impfung erfolgen kann, wird aktuell von der STIKO geklärt. Die Entscheidung hierzu wird zeitnah erwartet. Dies sei jedoch sehr wahrscheinlich. So bezeichnete der Chef der STIKO, Thomas Mertens, die gleichzeitige Anwendung jüngst als „unbedenklich” [16, 20].

Die Inhalte dieses Artikels geben den aktuellen wissenschaftlichen Stand zum Zeitpunkt der Veröffentlichung wieder und wurden nach bestem Wissen und Gewissen verfasst. Dennoch kann der Artikel keine medizinische Beratung und Diagnose ersetzen. Bei Fragen wenden Sie sich an Ihren Allgemeinarzt.

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