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Dritte Impfung oder „Infektionsbereit”?

VollstÀndig Geimpfte fragen nach der Notwendigkeit einer Auffrischimpfung

Eine Frage aus der Community

„Wenn man bereits vollstĂ€ndig geimpft ist und keine ImmunschwĂ€che hat: Wie nötig ist die Auffrischimpfung dann wirklich? Könnte eine Infektion dann nicht sogar besser sein? Also einer dritten Impfung ĂŒberlegen sein?"

Die Ärzte von Data4Life antworten

Hallo,

danke fĂŒr diese spannenden Frage, die ja fĂŒr sehr viele Menschen aktuell relevant sein dĂŒrfte.

ZunĂ€chst einmal sollte man sich klar machen, dass durch die Delta-Variante eine komplett neue Dynamik ins Pandemie-Geschehen gekommen ist. Durch diese Mutation hat sich daher einiges in den Überlegungen von Experten geĂ€ndert [1, 2].

So ging man zu Beginn der Pandemie noch von einem Erreichen der HerdenimmunitĂ€t aus, sobald etwa 70 % der Bevölkerung vollstĂ€ndig geimpft oder eben genesen sind. Damit wĂ€ren dann also die restlichen 30 % der Bevölkerung weitestgehend geschĂŒtzt [1].

Mit dem Auftreten der Delta-Variante rechnet man jedoch damit, dass mindestens 85 oder sogar 90 % der Bevölkerung vollstĂ€ndig geimpft oder genesen sein mĂŒssten, um den Rest zu schĂŒtzen. Und dies wĂ€re auch nur gegeben, wenn die Impfung zudem dauerhaft vor einer Übertragung auf andere Menschen schĂŒtzen wĂŒrde [1].

Letzteres ist jedoch laut Studien nicht der Fall. Die Impfung schĂŒtzt zwar sehr wohl vor schweren KrankheitsverlĂ€ufen – und das bei den meisten Menschen auch langfristig. Sie ist jedoch nicht in der Lage, Infektionen unter Geimpften zu verhindern [1, 3, 4].

Wer vollstĂ€ndig geimpft ist, kann sich also durchaus noch infizieren und damit andere anstecken. Er oder sie erkrankt dann jedoch meist sehr mild. Die Person hat also einen individuellen Schutz, spielt aber fĂŒr das gesellschaftliche Pandemiegeschehen immer noch eine große Rolle [1, 2].

Hintergrund ist, dass sogenannte IgA-Antikörper auf der Atemwegsschleimhaut von Nöten sind, um eine Ansteckung ĂŒberhaupt erst zu verhindern. Nach einer vollstĂ€ndigen Impfung sind diese IgA-Antikörper etwa fĂŒr 2 Monate auf der Schleimhaut vermehrt vorhanden und fallen dann wieder ab. Im Blut zirkulierende Antikörper der Gruppe „IgG” bestehen dagegen meist noch lange darĂŒber hinaus [1].

Mit einer Auffrisch- oder Booster-Impfung kann man IgG- und IgA-Spiegel also wieder in die Höhe treiben. Doch im Falle des auf den SchleimhĂ€uten sitzenden IgAs wohl wieder nur fĂŒr 2 Monate [1].  

Wissenschaftler wissen ĂŒbrigens aktuell noch nicht, wo der genaue Grenzwert liegt. Also wie viele IgG-Antikörper im Blut noch vorhanden sein mĂŒssen, um einen schweren Krankheitsverlauf zu verhindern [2].

Welche SchlĂŒsse man daraus ziehen kann

Aus all dem ergeben sich jetzt eine Reihe an möglichen Schlussfolgerungen. ZunÀchst einmal beziehen sich all diese Gedankenspiele und Untersuchungen auf die Delta-Variante. Sollte es also im Verlauf zu weiteren Mutationen kommen, könnte all das Gesagte schnell wieder hinfÀllig sein.

Der Gedanke zur HerdenimmunitĂ€t wiederum ist wichtig, um sich klar zu machen, dass die aktuelle Impfquote entweder noch deutlich gesteigert werden mĂŒsste oder es zwangslĂ€ufig in den kommenden Monaten zu einer Durchseuchung der restlichen Bevölkerung kommen könnte (vorausgesetzt die Politik entscheidet sich gegen weitere Lockdowns) [1].

Grafische Übersicht zum Anteil der gegen COVID-19 geimpften Menschen
Vergleich der Corona-Impfrate in verschiedenen LĂ€ndern Quelle

Die STIKO des Robert Koch-Instituts empfiehlt mittlerweile eine „COVID-19-Auffrischimpfung fĂŒr Personen ≄70 Jahre sowie fĂŒr bestimmte Indikationsgruppen”. Zudem sollten laut STIKO alle Personen, die mit Johnson & Johnson geimpft wurden, „eine zusĂ€tzliche mRNA-Impfstoffdosis” erhalten. Eine Auffrischimpfung wird also keineswegs jedem Menschen empfohlen [5]. 

So möchte man gewĂ€hrleisten, dass Risikogruppen bei denen die Wirkung der Impfstoffe mit der Zeit nachgelassen hat, auch weiterhin vor schweren KrankheitsverlĂ€ufen geschĂŒtzt bleiben (Erhöhung der IgG-Antikörper im Blut). Zudem könnten so auch vorĂŒbergehend die IgA-Antikörper auf den SchleimhĂ€uten ansteigen, was vermehrte Übertragungen in Altersheimen – zumindest in den Wintermonaten – unterbinden könnte [1].

FĂŒr die Unter-70-JĂ€hrigen, die keine Risikofaktoren haben, könnte die Strategie dann tatsĂ€chlich anders aussehen [1, 2, 6]:

Diese wĂŒrden sich im Verlauf dann zwar irgendwann infizieren. Sie hĂ€tten jedoch voraussichtlich keine oder nur sehr milde Symptome, da sie bereits vollstĂ€ndig geimpft wurden und noch ĂŒber IgG-Antikörper im Blut verfĂŒgen. Durch die Infektion hĂ€tten sie dann also eine Art „Immun-Update” [1].

Da die Infektion ĂŒber die Atemwegs-SchleimhĂ€ute erfolgt, wĂ€re dieses Immun-Update dann auch dort „lokal effektiv”. Dies könnte also mit lĂ€ngerfristig erhöhten IgA-Antikörper-Spiegeln einhergehen, wodurch dann auch die weitere Übertragung bzw. Ausbreitung des Virus innerhalb der Bevölkerung vermindert werden wĂŒrde [1].

Als weiterer Vorteil wĂ€re denkbar, dass sich das Immunsystem dann ja tatsĂ€chlich mit dem eigentlichen Virus auseinandergesetzt hat – anstatt nur mit einem dem Virus Ă€hnelndem Impfstoff-Antigen. Dies könnte den Schutz vor weiteren Übertragungen ebenfalls noch mal erhöhen [1, 7].

Zwar sind all diese ErwĂ€gungen momentan noch theoretisch und mit Vorsicht zu genießen. Dennoch könnte eine Infektion fĂŒr vollstĂ€ndig Geimpfte tatsĂ€chlich die bessere Auffrischung sein [1, 2, 8].

Insbesondere fĂŒr die Risikogruppen bleibt der Booster-Shot jedoch weiterhin immens wichtig! Dies gilt auch fĂŒr Menschen, die genesen sind, aber noch nicht geimpft wurden [6].

All dies ersetzt jedoch keineswegs die Beibehaltung von wichtigen Vorsichtsmaßnahmen wie dem Tragen einer Maske in bestimmten Situationen. Auch ist es wenig sinnvoll, sich gezielt zu infizieren. Denn so können Andere zusĂ€tzlich gefĂ€hrdet werden. Und selbst mit Impfung kann es vereinzelt zu schweren VerlĂ€ufen kommen.

Wir hoffen, wir konnten mit dieser ErklÀrung weiterhelfen.

Herzliche GrĂŒĂŸe,

das Ärzteteam von Data4Life

Die Inhalte dieses Artikels geben den aktuellen, wissenschaftlichen Stand zum Zeitpunkt der Veröffentlichung wieder und wurde nach bestem Wissen und Gewissen verfasst. Dennoch kann der Artikel keine medizinische Beratung und Diagnose ersetzen. Bei Fragen wenden Sie sich an Ihren Allgemeinarzt.

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